Seit 45 Sommern sprudelt der Brunnen der Lebensfreude für Rostock. Das unkonventionelle Kunstwerk sorgt an heißen Tagen für Abkühlung, lässt Urlauber staunen – und ist Rostocks Treffpunkt Nummer 1. Am 27. Juni 1980 haben Jo Jastram und Reinhard Dietrich ihre gemeinsame Figurengruppe auf dem Universitätsplatz enthüllt.
Thomas Jastram, Bildhauer und Neffe von Jo Jastram: »Ich erinnere mich gut, wie die Gipsmodelle in Originalgröße auf einem verwilderten Grundstück in Kneese aufgebaut waren. Mein Onkel wohnte gleich nebenan. Reinhard Dietrich kam immer auf seiner Stute angeritten, dann haben sie nebeneinander unter freiem Himmel gearbeitet.«

Thomas Werner, Kulturamt Rostock:
»1973 hat der Rat der Stadt den Auftrag für den Brunnen an Jo Jastram und Reinhard Dietrich vergeben, damals noch unter dem Titel ›Lebensfreude im Sozialismus‹. Die Vorgaben: Der Brunnen sollte sich zwischen den neuen Giebelhäusern, Grünanlagen und historischen Bauwerken
einfügen. Er sollte begehbar und nahbar sein, ein Ort der Begegnung für die Rostocker.
Jastram und Dietrich schufen keine abstrakten Formen oder ehrfurchtgebietende Persönlichkeiten, sondern humorvolle Tierplastiken und lebensfrohe figürliche Darstellungen von zwei Paaren und einer Familie. Von den ersten Studien bis zum Aufstellen der Figuren hat es sieben Jahre gedauert. Allein auf den Guss hat Rostock fast vier Jahre gewartet, die bedeutendste Bronzegießerei der DDR in Lauchhammer hatte nicht genug Kapazitäten. Hier haben Stadtplaner, Architekten und bildende Künstler Hand in Hand gearbeitet – mit Erfolg.«
Am 27. Juni 1980, dem Eröffnungstag, schrieb die Ostsee-Zeitung:
»Dieser Brunnen sollte den zentralen Charakter des täglich von vielen Tausenden von Menschen frequentierten Geschäfts- und Einkaufsbereiches betonen, gleichzeitig aber auch optischer und tatsächlicher Ruhepunkt sein. […] Eine gemeinsame, langjährige und komplizierte Arbeit hat ihren Abschluss gefunden und erfährt jetzt die Würdigung durch seine Kunstrezipienten: das Rostocker Publikum.«

Bodo Keipke vom Stadtarchiv:
»Der Universitätsplatz war seit dem Krieg ein großes Provisorium. Baracken ersetzten für lange Zeit die zerbombten Gebäude. Wo heute der Brunnen stand, gab es einen Zeitungskiosk und den Eingang zu einem unterirdischen öffentlichen WC. ›Rostocks einzige U-Bahn-Station‹, haben die Rostocker scherzhaft gesagt. Ende der 60er hat die DDR die Innenstädte ins Visier genommen, sie sollten attraktiver werden. Die Kröpeliner Straße mit dem Universitätsplatz wurde zur Fußgängerzone umgewandelt, Straßenbahn und Autoverkehr verlegt. 1979 öffnete das ›Café Rostock‹ an der Ecke zur Breiten Straße, 1980 der Brunnen der Lebensfreude und sechs Jahre später das Fünfgiebelhaus.«



David Willud von »Wassertechnik Rostock«:
»In der Brunnensaison sind wir früh morgens die Ersten auf dem Universitätsplatz. Wir sammeln Dreck und Müll aus dem Becken, kontrollieren die Düsen.
Wir steigen zum Check der Filter und Pumpen in die unterirdische Brunnenstube hinab. Die Technik ist 45 Jahre alt, da kann schon mal was kaputtgehen. Wir wechseln regelmäßig das Wasser aus, weil sich gerade im Sommer schnell Keime ausbreiten.
Dennoch: Das Wasser hat keine Badewasser- und schon gar keine Trinkwasserqualität. Eltern sollten ihre Kinder gut beaufsichtigen. Auch wenn wir täglich reinigen: Beim Betreten des Brunnens muss man sich vor Glasscherben und rutschigen Stellen in Acht nehmen.«
FOTOS: BARCH, BILD 183-T0922-011/SINDERMANN, JÜRGEN | MATHIAS RÖVENSTHAL
Wasser marsch!
Seit vielen Jahren übernimmt die WIRO die Patenschaft für den Brunnen am Universitätsplatz, trägt einen großen Teil der laufenden Kosten.
Pünktlich zum Osterfest dreht das Wohnungsunternehmen gemeinsam mit der Oberbürgermeisterin das Wasser auf und läutet die Brunnensaison ein. Bis Oktober sprudelt es täglich zwischen 10 und 20 Uhr.