Martina Bade, Direktorin der Stadtbibliothek:
Mit vier Jahren brauchte Martina Bade niemanden mehr zum Vorlesen, da hatte sie sich schon alle Buchstaben selbst beigebracht. »Im Fernsehen gab es damals kaum Kinderprogramm.
Wer Abenteuer erleben wollte, musste zu Büchern greifen.« Jeden Freitag ist sie später nach der Schule zur Bibliothek geradelt, hat sich mit vier neuen Büchern – die maximale Ausleihe – für die nächste Woche versorgt. »Es gab keine Zeit in meinem Leben, in der ich nicht gelesen habe.« Nach ihrem Studium, am Theater, ging sowieso nix ohne Bücher. Und dass sie heute als Bibliothekschefin immer Bescheid wissen muss über Neuerscheinungen, ist für sie mehr Freude als Pflicht. Martina Bade liest gerne Krimis und Historisches, eigentlich alles. Nicht jedes Buch hat Spuren hinterlassen. Umso glücklicher ist sie, wenn sie eine Perle entdeckt. »Bücher, die einen Sog entwickeln, wo man beim Lesen die Zeit vergisst.« Übrigens: Martina Bade liest nur Bücher auf Papier. »Zum richtigen Lesen gehört für mich ein richtiges Buch!«
978-3-10-397192-7
»Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary«
Auf der Flucht vor den Nazis landet Familie Mann – Thomas und Katia mit den sechs Kindern – im südfranzösischen Hafenort Sanary. Florian Illies, ein Kunsthistoriker, hat es geschafft, neue Geschichten und Details über die berühmte Familie auszugraben. Über den narzisstischen Vater und einen Sommer im absoluten Ausnahmezustand. Der Autor hat den Stoff in unterhaltsamen Häppchen aufbereitet, bis zum Ende spannend und gut zu schlucken.
Stefan Härtel, Buchblogger:
Foto: Andreas Ehrig
Bei ihm war´s Liebe auf den dritten oder vierten Blick: Erst während seiner Ausbildung, im Internat, hat Stefan Härtel freiwillig zu Büchern gegriffen. Bei »Es« von Stephen King, 1.500 Seiten, hat es Zoom gemacht. Mit Horror kann der 47-Jährige heute nicht mehr viel anfangen, ebenso wenig mit Science-Fiction und Fantasy. Sein Herz hängt an der Belletristik, vor allem an den großen amerikanischen Erzählern. Bücher sind der Ruhepol im Leben des zweifachen Familienvaters. Aber Stefan Härtel liest auch für die anderen: In seinem Blog »Bookster HRO« rezensiert er seit zehn Jahren Bücher, jede Woche eines. Er will Menschen neugierig machen auf gute Geschichten. »Ich verreiße selten mal ein Buch.« Ungefähr 600 Werke hat er schon besprochen und virtuell aufeinandergestapelt. Mit jeder Rezension erreicht er im Schnitt 3.000 Leser, er zählt zu den bekanntesten deutschen Buchbloggern.
Außerdem ist er Vereinsvorsitzender vom Literaturhaus Rostock. booksterhro.wordpress.com
»Schwebende Lasten«
Erzählt wird die Geschichte von Hanna Krause, gelernte Blumenbinderin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der noch jungen DDR als Kranführerin arbeitet. Das 20. Jahrhundert mit all seinen Umwälzungen, Kriegen und Diktaturen zieht an dieser bemerkenswerten Frau vorbei, die sich dennoch stets treu bleibt. Ein bewegender Roman, einfühlsam und mit leisem Witz erzählt.
Dörthe Hückel-Krause, Redakteurin der WIRO aktuell:
Mein erstes, selbst gelesenes Buch: »Der Zauberer der Smaragdenstadt« von Alexander Wolkow. Mit dunkelgrünem, festem Einband, überzogen mit Lackfolie. Die Abenteuer von Elli aus Kansas und ihrem Hund Toto sind die schönste Erinnerung an meine ersten Sommerferien. Seitdem gab es keinen einzigen Tag, an dem ich kein Buch vor der Nase hatte. Auch wenn mir manchmal schon nach fünf Sätzen die Augen zugefallen sind, weil ich hundemüde war nach einem langen Tag mit Arbeit und Familie. Die Kinder sind
größer und ich freue mich drauf, demnächst wieder ganze Sonntage zu »verlesen«. Ein Leben ohne Bücher – unvorstellbar. Manchmal weine ich ein wenig, weil ein großartiges Buch zu Ende und ausgelesen ist. Aus Büchern habe ich viel übers Leben und über Menschen gelernt, über fremde Kulturen, andere Zeiten. Bücher geben mir den Spielraum, im Kopf mein eigenes Bild zu machen – anders als Serien oder Filme.«
Buchempfehlung: »Middlesex« von Jeffrey Eugenides, Rowohlt,
Neuausgabe des Klassikers von 2002, 736 Seiten, 18 Euro,
ISBN: 978-3-423-14936-5
»Middlesex«
Lefty und Desdemona Stephanides fliehen aus ihrem griechischen Dorf vor den Türken nach Amerika. Sie heiraten, bekommen Kinder. Der Haken: Die beiden sind Bruder und Schwester. Die Folgen der inzestuösen Liebe – ein Gendefekt – muss das Enkelkind ausbaden. Calliope wird nach der Geburt als Mädchen eingeordnet und so erzogen. In der Pubertät entdeckt Cal, dass sie ein Hermaphrodit ist, zwischen beiden Geschlechtern steht. Aus Cals Sicht wird die verrückte Geschichte der liebenswerten Einwandererfamilie über drei Generationen erzählt – und von der komplizierten Suche nach der eigenen Identität.
Manfred Keiper, Inhaber der anderen Buchhandlung am Doberaner Platz:
Manfred Keiper ist kein gewöhnlicher Leser, eher so ein hyperaktives Exemplar: Er liest immer einen ganzen Stapel Bücher parallel. »Dann schaue ich, wonach mir gerade der Sinn steht.« Sachbücher, Romane, Biografien und auch richtig sperrige Kost. Gerade liest er das »Genossenschaftsgesetz « aus dem Beck-Verlag. Es ist Fluch und Segen, sagt der Inhaber der anderen Buchhandlung, dass er seine Leidenschaft zur Profession machen durfte. Mit Fluch meint er, nicht ganz ernst gemeint: »Ich habe andauernd tolle Bücher auf dem Tisch – und es werden immer mehr!« Bis zu 200 Bücher schafft er im Jahr. Der gebürtige Bremer findet: »Lesen ist Leben.« Es hat ihn in andere Welten gebracht, von denen er sonst nie erfahren hätte. »Meine Entwicklung im Leben ist immer auch mit bestimmten Büchern verknüpft.«
»This is for Everyone. Die unvollendete Geschichte des World Wide Web«
Tim Berners-Lee hat das World Wide Web erfunden. Er wollte ein Internet, dass für möglichst alle Menschen frei zugängig ist: »This is for everyone«. Der Softwareentwickler befasst sich in seinem Buch mit der Geschichte und vor allem mit der Zukunft des WWW. Als Wissenschaftler ist Berners-Lee für Social Media, für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Als Bürger warnt er vor der Enteignung der Menschen von ihren eigenen Daten und der Tatsache, dass private Unternehmen diese Daten kommerziell ausbeuten.



