WIRO.de
Logo Wiro Aktuell
Für alle WIRO-Mieter, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch. Hier sitzt der Mann mit 3-Tage-Bart vor einem prall gefüllten Bücherregal und legt eine Arme über einen Stapel Bücher.

Wissenswertes

Booksters Buchtipp – John Irving, »Königin Esther«

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch.

John Irving, »Königin Esther«

Die Zutaten, aus denen der US-amerikanische Autor seine Geschichte kocht, sind altbekannt: New Hampshire, Wien, Ringen, Schriftstellerei und alternative Familienmodelle. Besonders diesbezüglich hat sich Irving wieder sehr ins Zeug gelegt. Es geht um die Winslows, ein Ehepaar, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine kleine Schar Kinder zusammenstellt, alles Mädchen, alle aus Kinderheimen.

Die jüngste im Bunde, Honor, bekommt als Kindermädchen die junge Esther an die Hand, auch sie ein Waisenkind. (Esther stammt übrigens aus Wilbur Larchs Waisenhaus, dem Irving 1985 in seinem Welterfolg »Gottes Werk und Teufels Beitrag« ein literarisches Denkmal setzte – nur eine von vielen Querverbindungen zu anderen Werken des Autors.)
Im Laufe der Jahre interessiert sich Esther zunehmend für ihre leiblichen Eltern, die als Juden einst aus Europa emigrierten, jedoch früh starben. Als Esther alt genug ist, verlässt sie die Winslows und das beschauliche Neuengland Richtung Wien, geht später nach Haifa, wo sich in den Wirren der Weltgeschichte ein neuer Staat bildet. Zuvor jedoch geht sie einen Pakt mit Honor ein: Sie wird sich schwängern lassen und als Leihmutter ein Kind für Honor gebären. Für die Niederkunft kehrt Esther noch einmal zurück und verschwindet dann für immer.

Vorhang auf für Jimmy, den ersten Jungen im Frauenhaushalt der Winslows und eigentlichen Helden der Geschichte. Von Esther erfahren wir ab seiner Geburt nur noch aus zweiter Hand. Denn auch Jimmy ist fasziniert von seiner leiblichen Mutter und folgt nach der High School ihren Spuren nach Europa.

In Wien studiert er und wird nach und nach zum Schriftsteller – seine unkonventionelle Familiengeschichte bietet genügend Stoff für mehrere Romane.
»Königin Esther« ist ein Schmöker in typisch irvingscher Manier. Komplex geschrieben, bevölkert von einer bunten Schar skurriler Figuren und mit jeder Menge Vor- und Rückblicken wirkt der Roman besonders im ersten Drittel etwas undurchsichtig. Dutzende Themen werden angeschnitten und erst sehr viel später wieder aufgegriffen. Exkurse in die englischsprachige Literatur – besonders in die Werke von Charles Dickens, Irvings großem Idol – nehmen auch in diesem Roman wieder viel Platz ein, genau wie die fast kindische Auseinandersetzung mit Geschlechtsteilen aller Art und Form. Auch die Suche nach verschollenen Familienmitgliedern ist ein Thema, dem sich Irving immer wieder widmet, da er selbst ohne Vater aufwuchs und dieser Leerstelle viele Jahre nachging.

Langjährigen Irving-Fans dürften viele dieser Themen zur Genüge bekannt sein und nicht erst seit »Königin Esther« mag sich die Frage aufdrängen, ob das nicht alles schon längst auserzählt sei. Doch blickt man auf das Gesamtwerk des Autors und seine Bedeutung für viele marginalisierte Gruppen der westlichen Welt – nicht nur in den USA – dann wird einem wieder vor Augen geführt, dass John Irving nach wie vor einer der wichtigsten Chronisten unserer Zeit ist. Sein genauer Blick auf die Mechanismen zwischenmenschlicher Beziehungen und auf unser Umherirren in den großen Umwälzungen der Weltgeschichte erschafft seit mehr als fünfzig Jahren Romane, die immer wieder an grundlegende Tugenden erinnern: Fairness, Gelassenheit und nicht zuletzt Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen.

Buchcover von John Irvings Königin Esther
John Irving, »Königin Esther«, Hardcover übersetzt von Peter Torberg und Eva Regul
Diogenes Verlag 2025, 560 Seiten, 32 Euro

Booksters Buchtipp

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch im WIRO-Magazin.

Lust auf mehr Buch-Renzensionen? Der Link zum Buch-Blog von Stefan „Bookster“ Härtel:

Link kopieren
Drucken
Grafik - empfangene E-Mail, Hand hält ein Mobiltelefon mit einem Icon, dass eingegangene E-Mails anzeigt

WIRO aktuell Newsletter

Neues aus der Stadt, Geschichten aus der Nachbarschaft + Tipps zu Veranstaltungen, Terminen und Freizeit in Rostock. Der WIRO-Newsletter bringt Ihnen alle vier Wochen das Beste aus unserer Heimatstadt kostenlos nach Hause.

Jetzt abonnieren!