Fluch oder Segen? Terminator oder Heilsbringer? Künstliche Intelligenz begeistert die einen – und macht anderen Angst. Alke Martens, Professorin an der Uni Rostock, ist Expertin für KI, Ethik und digitale Bildung. Wir haben mit ihr gesprochen.
Was ist eigentlich KI?
»Die Idee der Künstlichen Intelligenzstammt schon aus den 50er-Jahren. Wissenschaftler waren überzeugt, dass sie mit Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Informatik denkende Maschinen bauen können. Mathematische Neuronen sollten menschliches Denken imitieren. Es ist viel Zeit vergangen, bis Rechenleistung und Datenmengen das möglich gemacht haben. Heute reden wir über Sprachmodelle wie ChatGPT oder Gemini, sie spielen im Alltag der Menschen die größte Rolle.«
Nun haben wir die ersehnte Künstliche Intelligenz, die denken kann wie wir?
»KI denkt nicht, sie berechnet Sprache und Kommunikation. Die KI rechnet mit Wahrscheinlichkeiten aus, welche Wörter, Bilder und Muster zusammengehören, welches Wort auf ein anderes folgt. Jeder Antwortsatz der KI entsteht aus tausenden mathematischen Operationen. Die Sprachmodelle geben wieder, welche Antwort im Kontext der Frage am wahrscheinlichsten ist.«
Fische gehen nicht spazieren
Aber wenn ich ChatGPT etwas frage, bekomme ich oft richtig schlaue Antworten!
»KI-Sprachmodelle werden mit wahnsinnig großen Datenmengen trainiert. Wir reden von Milliarden Wörtern. ChatGPT weiß aus allen Informationen, mit denen es gefüttert wurde – darunter Lexika, Bücher, Blogs, wissenschaftliche Texte – dass beispielsweise die Fledermaus ein Säugetier ist, weil beide Wörter immer wieder zusammen genannt werden. KI nutzt Sprache sehr überzeugend. KI kann sogar kreativ wirken, wenn sie Gedichte, Bilder oder Musik erzeugt. Aber all das ist Simulation, Stochastik und Statistik.«
Was kann KI? Und was nicht?
»KI kann einen klassischen Intelligenztest mit Ergebnissen bestehen, die im Bereich der Hochbegabung liegen. Sie kann Logikaufgaben und Zahlenreihen lösen, Muster erkennen, dafür wurde sie entwickelt. Aber sie ist nicht intelligent. Sie versteht die Aufgaben und ihre Bedeutung nicht im menschlichen Sinne. Wenn man die Aufgaben mit gesundem Menschenverstand kombiniert, scheitert die KI. Nehmen wir dieses Beispiel: ›Wie führe ich einen Fisch Gassi?‹ Ein Mensch würde die Frage absurd finden und sagen: ›Fische gehen nicht spazieren.‹ Die KI kann Sinn nicht von Unsinn unterscheiden, sie nimmt die Frage wörtlich, würde eher so antworten: ›Sie können ihn in einem tragbaren Aquarium transportieren.‹ KI hat keine Emotion. Sie ist nicht traurig, nicht fröhlich. Sie ist nicht kreativ,
intuitiv und auch nicht empathisch.«
In welchen Bereichen kann KI uns nützen?
»Die KI-Sprachmodelle fassen Informationen in sehr kurzer Zeit zusammen und sparen Arbeit. Routine- und Standardaufgaben kann eine gut programmierte KI übernehmen. Wo Flexibilität, Gefühl und Spontanität gefragt sind, braucht es immer Menschen. Die großen KI-Allrounder sind aber nur eine Seite. Es gibt großartige KI-Spezialanwendungen, beispielsweise für die Medizin. In der medizinischen Bildgebung kann die KI Abweichungen von der Norm erkennen, die einem Menschen möglicherweise verborgen bleiben. Hier kann KI die Diagnostik effizient unterstützen. Auch die Uni Rostock, mit dem Zentrum für Künstliche Intelligenz in MV, entwickelt spezialisierte KI-Lösungen.«
KI macht einigen Menschen Angst. Sie fürchten, sie könnte wie im Film »Terminator« außer Kontrolle geraten. Ist das berechtigt?
»Die KI erfüllt nur die Aufgaben, die der Mensch ihr gibt. Sie wird nicht allein losmarschieren und angreifen. Aber natürlich lassen sich theoretisch KIs programmieren, die Schaden anrichten.«
Sie haben einen erfolgreichen Instagram-Kanal mit mehr als 100.000 Followern, den Sie rege füllen. Warum?
»Ich greife komplizierte Themen auf und erkläre sie verständlich. Wie entsteht eine Social-Media-Blase? Hört unser Smartphone uns wirklich ab? Auch gesellschaftliche Themen liegen mir am Herzen. Wie verändert KI unsere Zukunft? Ich erkläre, warum Sprachmodelle nicht objektiv sein können und warum sie Vorurteile bestätigen.«
Wenn Kinder ihre Hausaufgaben nur noch von ChatGPT schreiben lassen, lernen sie nichts. Stimmt das? Und macht KI uns dümmer?
»Zu meinen Schulzeiten gab’s Leute, die von Goethes ›Faust‹ nur die Zusammenfassung gelesen haben. Heute nutzen Jungen und Mädchen ChatGPT, um ungeliebte Aufgaben zu bewältigen. Wenn sie die Antworten blind übernehmen, ist das bedenklich. Aber wenn sie KI als Werkzeug einsetzen, um selbst besser zu werden, ist dagegen nichts zu sagen. Auch die Schule ist gefragt. Man kann KI im Unterricht ausprobieren und die Ergebnisse kontrovers diskutieren, damit die Kinder einen kritischen Umgang lernen. Ich würde es gut finden, wenn Schüler mehr kreative Aufgaben bekämen – das kann die KI nämlich nicht. Mein Lehrstuhl ist auch für die Ausbildung der Informatik-Lehramtsstudenten zuständig. Ich bin froh, dass das Fach Informatik in MV schon ab der 5. Klasse im Lehrplan steht.«
Alke Martens, Professorin für Praktische Informatik und Didaktik der Informatik an der Uni Rostock:
Studium: Informatik mit dem Nebenfach Medizin an der Uni Hildesheim ab 1989
Themen: KI, Medizin, Ethik, Didaktik
Im Jahr 2000 kam sie als Doktorandin nach Rostock. Sie war die erste Juniorprofessorin an der Uni Rostock. Tausendsassa: Neben ihrem Job ist sie alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern, schreibt Romane, malt und zeichnet, treibt Sport und geht mit ihrem Doodle Balu spazieren.
Sie unterhält einen erfolgreichen Instagram-Kanal mit fast 100.000 Followern:
Info unter:
ChatGPT in Zahlen
Jeder zehnte Mensch weltweit nutzt wöchentlich ChatGPT. Das entspricht 800 Millionen. Vor einem Jahr waren es noch halb so viele.
2,5 Milliarden Anfragen verarbeitet ChatGPT pro Tag.
Das neuste ChatGPTModell wurde mit 30 bis 60 Billionen Wörtern trainiert. Die könnte ein Mensch nur lesen, wenn er über einen Zeitraum von 400 Jahren rund 300.000 Bücher verschlingt.
KI liest ein dickes Buch in einer Sekunde – und kann es danach zusammenfassen und darüber »reden«.
ChatGPT spricht nahezu alle Sprachen, kann in über 130 Sprachen übersetzen.
In einer Sekunde antwortet KI mit bis zu 200 Wörtern.
(Quelle: ChatGPT)



