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Bookster Andreas Härtel sitzt vor einem großen Bücherregal stützt seine Arme auf Bücherstapel, neben ihm das Titelbild des Romans "Das schönste aller Leben" von Betty Boras

Wissenswertes

Booksters Buchtipp: »Das schönste aller Leben«

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch.

Die Geschichte, die Boras uns in ihrem Debüt präsentiert, ist so tragisch wie packend. Die Protagonistin Vio ist Mutter einer kleinen Tochter. Sie ist ihr ganzer Stolz, die Liebe, die sie zu dem Mädchen empfindet, ist von einer Intensität, die sie nie zuvor gespürt hat, obwohl – oder  gerade weil  – das Kind entstellt ist. Eine große, dunkle Brandwunde zieht sich über eine Seite des zarten Gesichts, entstanden durch kochend heißen Tee aus einer Thermoskanne. Ein Unfall, aber ein vermeidbarer, denn Vio hätte nicht einschlafen dürfen, wenn die Gefahrenquelle in für das Kind greifbarer Nähe wacklig auf der Heizung steht. Die Schuldgefühle, die sie seitdem verfolgen, sind groß, zerren an ihr bis zur völligen Erschöpfung. Die Kleine war perfekt, wunderschön und ohne Makel – jetzt prangt ein Mahl im Antlitz, das für immer und alle sichtbar an das Unvermögen einer  vermeintlich  schlechten Mutter erinnert. Schuld und Scham drohen Vio zu erdrücken. 

Vio  weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, mit sichtbaren Makeln durchs Leben zu gehen. Als Kind war sie mit einer schwachen Wirbelsäule gestraft, was sie über Jahre hinweg zum Tragen eines Korsetts zwang. Statt ihre Jugend tanzend auf Partys zu verbringen, blieb Vio einsam in ihrem Zimmer. Doch auch ein anderer Grund ließ Vio stets eine Außenseiterin bleiben: Ihre Familie kam zur Wendezeit aus dem rumänischen Banat nach Westdeutschland. Die Zukunft der deutschsprachigen Donauschwaben war nach dem Sturz des sozialistischen Regimes ungewiss, deshalb die Flucht in die Republik. In der alten Heimat waren sie  zu deutsch, hier jedoch nicht deutsch genug. Der Dialekt, die Bräuche, allein der Blick verriet sie als nicht dazugehörend. Vios Kindheit und Jugend war geprägt vom Versuch, nicht aufzufallen und sich möglichst still anzupassen. Wäre es nur das Korsett gewesen, hätte Vio ein deutlich leichteres Leben gehabt. 

Zwischen diesen beiden Zeiten – der jungen und der erwachsenen Vio – springt Betty Boras erzählerisch hin und her und legt mit der Figur der Theresia noch eine weitere Ebene darunter. Diese Frau – eine Ahnin von Vio – wurde im 18. Jahrhundert aus einem Dorf bei Wien ins Banat gebracht. Der Grund: Sie war zu schön! Mit ihrer Attraktivität machte sie die männlichen Dorfbewohner  ganz wuschig, was die damalige  Keuschheitskommission  auf den Plan brachte, eine Art  religiöse  Sittenpolizei in kaiserlichen Diensten. Wer so schön war, nicht aber adelig, musste mit dem Teufel im Bunde stehen. Als eine der vielen harten Strafen für unsittliches Verhalten galt die Deportation über die Donau flussabwärts ins Banat, wo die  Verurteilten – darunter auch Theresia – in Arbeitslager gebracht wurden. Ein hoher Preis für ein Aussehen, für das man nichts kann  und Startpunkt eines Stammbaums an dessen  jüngstem Ast  Vios Tochter nun steht. 

Das romanumspannende Thema in  »Das schönste aller Leben«  ist Schönheit, ein Kriterium, mit dem Frauen seit Jahrhunderten schon bewertet werden. Der Frage, warum schöne Menschen es im Leben leichter haben, geht Boras ebenso nach, wie den Geschichten, in denen diese Eigenschaft gefährlich wird. Die Zeiten einer Keuschheitskommission sind glücklicherweise vorbei, dennoch kann ein Zuviel an Attraktivität jemanden auch heute noch ungewollt in den Fokus rücken. Und auch wenn wir uns in einer halbwegs aufgeklärten Gesellschaft wähnen, die vorgibt, weniger auf Äußerlichkeiten zu achten, sind die Erfolge der Schönheitsindustrie in allen Belangen ungebrochen. Für diese Mehrschneidigkeit – Schönheit als Geschenk, als Last, als Sehnsucht – findet Betty Boras mit ihren Frauenfiguren eine mitreißende  Generationsgeschichte, die die Jahrhunderte miteinander verbindet und zeigt, dass sich die Zeiten geändert haben mögen, die Themen  und Probleme  aber kaum. 

»Das schönste aller Leben«  ist ein beeindruckendes Debüt und  ein  mitreißender  Roman, den ich sehr empfehle. 

Foto: Herr Fotograf – Mathias Rövensthal / Montage: WIRO

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