Kaum zu glauben, dass hier vor ein paar Monaten noch Familien gelebt haben: Hinter den Haustüren der Lortzingstraße 9 und 10 ist jetzt nix mehr wohnlich. Kein Stück Tapete, kein Putz ist mehr an den Wänden. Keine Fliese, keine Leitung, keine Tür. Nur nackte Mauern und Decken, durch deren Löcher man bis in die unteren Etagen gucken kann. So ein ausgeweidetes Haus nennen wir Bauleute ’hohler Vogel’«, erklärt Veronika Patrzek. Die Bauleiterin der WIRO betreut die Kernsanierung des Klinkerblocks in Warnemünde – wie bereits sieben andere im Karree Lortzingstraße/Rostocker Straße in den vergangenen acht Jahren. Von außen gleichen sich die Häuser. »Aber bei keinem anderen Gebäude war die Substanz so marode.« Der Block wurde etwas später als die anderen, 1942 mitten im Krieg, errichtet. »Da herrschte Mangel, auch Baumaterialien waren knapp.« Dass Zement fehlte, ist offensichtlich: »Der Putz in den Mauerwänden war lose, manche Fugen waren hohl. Teilweise rieselte uns Seesand entgegen.« Nur zwei weitere Beispiele: Etliche Balken in der Holzdecke waren viel zu dünn, der Schallschutz war eine Katastrophe.
Häuser standen Jahre lang im Wasser
Die WIRO-Projektleiterin hat in 37 Jahren auf Baustellen, die meisten in der Altbausanierung, viel gesehen. »Aber so etwas nicht. Wenn man es nüchtern betrachtet, wäre ein Neubau einfacher und günstiger gewesen.« Weil das Ensemble jedoch als historisch wertvoll gilt, war das keine Option. Das größte Problem liegt tief: im Keller. Die Klinkerbauten wurden auf schwierigstem Baugrund errichtet, auf torfigem und sumpfigem Gelände. Ein Blick in die Bodenkarten zeigt: Exakt unter den Hausnummern 9 und 10 befand sich eine Torflinse. Das Grundwasser steht hier hoch. »Die Häuser standen mehr oder weniger jahrzehntelang im Wasser.« Heutzutage würde man gleich eine »Weiße Wanne« bauen, also ein Kellergeschoss aus wasserdichtem Stahlbeton. »Das macht man
üblicherweise nur bei Neubauten. Aber wir haben gemeinsam mit Fachleuten eine Methode gefunden, eine Weiße Wanne nachzurüsten.«
»Wenn man es nüchtern betrachtet, wäre ein Neubau einfacher und günstiger gewesen.«
Veronika Patrzek, Bauleiterin
Veronika Patrzek betreut die Sanierungen in
Warnemünde.
Balken müssen ausgewechselt werden
Eine Knochenarbeit: Die Männer von der Whitestone Construction GmbH haben die Kellersohle weggestemmt, mit Schaufel und Spaten einen halben Meter Erdboden ausgeschachtet. Damit künftig kein Wasser mehr ins Gebäude drückt, wurde nicht gespart: Auf einer neuen Unterbetonschicht und Verbundfolie haben die Arbeiter Stahlbewehrung ausgelegt, zusammen 24 Tonnen. Sie verhindert, dass sich später Risse bilden. »Die Bewehrung gießen wir mit einem speziell angemischten Beton aus, der keine Blasen bildet und besonders gut fließt.« Auch die Außenwände werden abgedichtet: Ein tiefer Graben klafft rund ums Haus. Dichtschlemme, Bitumen, Dämmung und Folie kommen in diesen Wochen auf die nackten Mauern. In den oberen Etagen ist ebenso viel zu tun: Nicht tragfähige Deckenbalken müssen ausgewechselt, die Einschübe ertüchtigt werden. Wände werden teilweise neu gemauert, Grundrisse verändert, Gauben erweitert und Balkone gestellt. Kleine Räume, auch die winzigen Schlauchbäder, werden vergrößert. Aus ehemals 14 Wohnungen macht die WIRO 8, darunter vier große 4-Raum-Wohnungen für Familien. Ab Mai 2027 können die künftigen Mieter einziehen.
Impressionen von der Lortzingstraße 9 + 10
Ein Blick in die Geschichte
Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange und die Arado-Flugzeugwerke hatten volle Auftragsbücher: Mehr Unterkünfte für die Mitarbeiter mussten her – und so wurden am südlichen Ortseingang von Warnemünde ab etwa 1940 neue Häuser errichtet, von französischen Kriegshäftlingen. Die Straßen bekamen die Namen von berühmten Jagdfliegern. Schon wenige Jahre später, nach Kriegsende, benannte man sie um. Aus der Plüschowstraße wurde die Lortzingstraße, aus der Boelcke- die Mozartstraße. Nur die Lilienthalstraße, benannt nach dem Flugpionier Otto Lilienthal, hieß weiter so. Im Adressbuch von 1949 waren in dem Quartier noch übermäßig viele Berufe verzeichnet, die bis zur Schließung 1945 bei Arado gearbeitet hatten: wie Schlosser, Werkzeugmacher und Elektriker.
Blick auf die Rostocker Straße früher: So sah der Ortseingang von Warnemünde 1956 aus.
Die Fakten:
+ Ab Mai 2027 können die künftigen Mieter einziehen.
+ Insgesamt entstehen acht Wohnungen.
+ Darunter vier große 4-Raum-Wohnungen für Familien.
Das Messbild von 1888, über den heutigen Stadtplan gelegt, zeigt deutlich: Das Wohngebiet rund um die Lortzingstraße steht auf einem Sumpfgebiet.
Fotos: Mathias Röwenstahl / Kulturamt, untere Denkmalschutzbehörde



