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Bookster Stefan Härtel sitzt vor einem großen Bücherregal stützt seine Arme auf Bücherstapel, neben ihm das Titelbild des Romans "Monstergott" von Caroline Schmitt

Wissenswertes

Booksters Buchtipp: „Monstergott“ von Caroline Schmitt

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch.

Die christliche Kirche muss seit einigen Jahrzehnten ordentlich Federn lassen. Die Mitgliederzahlen schrumpfen, die Distanz zu etwaigen Glaubensbekenntnissen wächst und die Zahl religiöser Praktiken aller Art ist rückläufig. Durch immer wieder neu aufgedeckte Missbrauchsskandale schwindet das Vertrauen und auch die finanzielle Belastung durch die Kirchensteuer stellt für manche Menschen ein Problem dar. Man muss es so klar sagen: Das Konzept Kirche ist hoffnungslos veraltet und passt nicht mehr in unsere moderne Welt. Besonders jüngere Leute leben ihr Leben mehrheitlich säkular und kommen bestens ohne Kirche klar. Caroline Schmitt erzählt in »Monstergott« von Jugendlichen, die beim Spagat zwischen christlichen Werten und moderner Identität hängenbleiben.

Die Geschwister Ben und Esther wachsen in einem sehr religiösen Umfeld auf. Ihre Kindheit und Jugend werden komplett von der ansässigen christlichen Freikirche durchorganisiert. Die Gemeinde sorgt für sämtliche Aktivitäten, begleitet Schule, Freizeit und Freundschaften; egal um was es geht, Gott kommt zuerst. Als Kinder fühlen sie sich wohlbehütet und hinterfragen das System – natürlich – nicht, doch je älter sie werden, desto deutlicher wird die Differenz zwischen Erlerntem und Gefühltem. Ben, dem Zeit seines Lebens eingetrichtert wurde, welche Gedanken schon Sünde seien, kommt während der Pubertät arg in die Zwickmühle zwischen seinen sexuellen Wünschen und der konservativen Gemeindelinie. Da helfen auch Männlichkeitsworkshops und Psychotherapeuten, die auf zweifelnde Christen spezialisiert sind, nicht weiter. Esther ist als Frau – nach Ansicht der Gemeinde – dem Mann untergeordnet und hat ihm zu dienen. Doch sie sehnt sich nach Selbstbestimmung, hat Pläne für die Zukunft, die nicht zu ihrer aufgestülpten Rolle passen. Die Geschwister laufen Gefahr, sich in den Zwängen der Religion zu verlieren.

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»Monstergott« ist – und das ist Caroline Schmitt sehr hoch anzurechnen – kein wütender Text gegen den christlichen Glauben im Allgemeinen. Die Autorin legt sehr vorsichtig den Finger auf die offenkundigen Unzulänglichkeiten, die die Kirche in der modernen Gesellschaft aufweist. Dazwischen lässt sie aber auch viel Gutes erkennen: Zusammenhalt, Nächstenliebe und ein moralisch richtiges Leben zu führen sind ja durchaus hehre Ziele. Die Enge der Regeln bekommt man aber erst zu spüren, wenn man aus der Herde ausbrechen möchte. Das ist ein Problem, das erst seit wenigen Jahrzehnten in der breiten Bevölkerung wahrgenommen wird. Davor wurde es durch Macht und Hoheit teils brutal einfach aus dem Weg geschafft. Dass beide Seiten in dem Roman ihren Platz finden, tut dem Text sehr gut, macht ihn ausgeglichen und differenziert.

Die christliche Gemeinde, die Schmitt in ihrem Buch darstellt, gibt sich nach außen hin bewusst locker – der Pastor ist modern gekleidet und spricht mit den Kids auf Augenhöhe, der Instagram-Account wird fleißig gefüttert und die Freizeitaktivitäten sind alles andere als öder Gottesdienst; Schmitt ist es wichtig, ein aktuelles Bild im Gemeindeleben zu zeichnen. Die inneren Kämpfe von Ben und Esther sind einfühlsam in Worte gefasst – die Kapitel sind abwechselnd aus ihren Perspektiven geschrieben – und ihre Lebenswege zu lesen, ist sehr berührend.

»Monstergott« ist ein großartiges und wichtiges Buch, von dem es thematisch sehr viel mehr geben sollte.

Caroline Schmitt, »Monstergott«, Hardcover – Park x Ullstein Verlag 2025, 272 Seiten, 23 Euro

Foto: Herr Fotograf – Mathias Rövensthal / Montage: WIRO

Booksters Buchtipp

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