An den höchsten Gipfeln der Welt im Himalaya gelegen, eingeklemmt zwischen den Mächten China und Indien, liegt Nepal – ein Staat, der hierzulande ebenso geheimnisvoll wie unbekannt ist. Hauptstadt, Flagge, Währung… das sind Fakten, die man mit einer gesunden Allgemeinbildung noch herunterbeten kann. Doch was wissen wir eigentlich wirklich über dieses Land? Über die Staatsform oder die Historie der letzten Jahrzehnte? Mit der Lektüre von Philip Krömers aktuellen Roman »Kumari« können so einige Bildungslücken geschlossen werden, zumindest was das politische Geschehen dort im Jahr 2001 angeht. Der Autor erzählt anhand dreier Schicksale von dieser turbulenten und blutigen Zeit. Herausgekommen ist eine beeindruckende Geschichte nach wahren Begebenheiten, niedergeschrieben in märchenhaftem Ton.
In Kathmandu steht ein Tempel, in dem die Kumari wohnt, ein Mädchen, das dem hinduistischen Glauben nach die Inkarnation der Göttin Taleju darstellt. Dieses Mädchen bezieht den Tempel im Kleinkindalter und muss ihn nach der ersten Monatsblutung wieder verlassen, dann wird – wenn eine Vielzahl körperlicher Merkmale zutreffen – ein neues Mädchen gewählt. Die Kumari wird in dieser Zeit als Heilsbringerin ausgestellt, Gläubige pilgern zum Tempel, küssen ihr die Füße und bitten um Segen. Ihren Tempel verlässt das Mädchen nur zu religiösen Festen, bei denen sie auf einer Sänfte durch die Stadt getragen wird. Diesen Brauch gibt es in Nepal seit hunderten von Jahren; auch heute noch wird daran festgehalten, obwohl die Kritik daran zeitgemäß lauter wird.
Die Kumari, die im Jahr 2001 im Tempel wohnt, das Treiben in Kathmandu beobachtet und kurz vor ihrer ersten Periode steht, ist einer der drei Erzählstränge, die Krömer in seinem Roman zu einer unfassbar intensiven Geschichte verwebt. Ein zweiter ist der damalige Kronprinz Dipendra, der die Monarchie, in die er geboren wurde, ablehnt und eine Revolution aus dem Innern des Königshauses starten will. Zu guter Letzt folgen wir Rupa Rana, einer jungen Maoistin, die mit einem Geheimauftrag auf dem Weg nach Kathmandu ist, um dort den König zu stürzen. Alle Stränge kreuzen sich zu Desain, einem großen Opferfest, bei dem das Blut auch ohne Revolution die Straßen herabfließt.
Krömers Kunstgriff, der das Buch abgesehen vom äußerst interessanten Plot auch stilistisch zu einem kleinen Juwel macht, ist die Erzählstimme. Wir folgen den drei Protagonisten – der Kumari, dem Kronprinzen und der Maoistin – durch die Stimme von Taleju, der Göttin im Mädchen, die allwissend ist und dem Geschehen nichts entgegensetzen kann – oder will. Auf diese Weise wird nicht nur von den schicksalsträchtigen Vorkommnissen jener Tage während des Desain-Festes berichtet, die das Land grundlegend verändert haben, sondern auch von Talejus Geschichte, was einen tieferen Blick in den hinduistischen Glauben ermöglicht, zumindest was diese eine Göttin angeht.
»Kumari« ist ein Musterbeispiel für grandios erzählten Geschichtsunterricht. Spannend wie ein Thriller, märchenhaft in der Erzählweise. Man klebt förmlich an den Zeilen und lernt einiges über Nepal und seine jüngere Historie – was kann man von einem Roman mehr erwarten? Sehr lesenswert.
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