Was hat es mit dem Fasten im ursprünglichen Sinne auf sich? Warum haben die Menschen damit mal angefangen?
Stephanie Born: »Im Christentum hat das Fasten eine lange Tradition. Zur Vorbereitung auf Ostern haben Gläubige bewusst auf etwas verzichtet, beispielsweise Fleisch oder Alkohol. Die Menschen wollten sich auf Gott konzentrieren, auf das Wesentliche, und sich gedanklich von Ballast befreien. Das ist übrigens immer noch ein wichtiger Punkt beim Fasten: Dabei kommen wir zur Ruhe, werden klarer im Kopf.«
Aber Fasten soll auch gesundheitliche Vorteile bringen.
Stephanie Born: »Wenn der Körper von außen keine Nahrung zugeführt bekommt und die Speicher erschöpft sind, stellt er seinen Stoffwechsel auf Ketose um. Er verwendet körpereigene Fettreserven als Energielieferant. Parallel gehen die Zellen in den Autophagie-Modus, starten die körpereigene Zellreinigung. Dabei recyceln sie den Zellschrott‹, der keine Funktion mehr erfüllt. Daraus gewinnen die Zellen, was sie zum Überleben brauchen – und der Müll verschwindet. Fasten gilt als der effektivste Weg, diesen Prozess zu aktivieren.«
Warum ist das wichtig?
Stephanie Born: »Man kann sich eine Zelle wie eine kleine Fabrik vorstellen. Da läuft nicht alles perfekt. Bauteile nutzen sich ab, Abfallprodukte entstehen, wie beschädigte Mitochondrien, falsch gefaltete Proteine oder freie Radikale. Das Fasten zwingt die Zelle, diese schadhaften Bestandteile als Energiequelle zu verwerten. Früher waren Zeiten des Nahrungsmangels ganz normal, beispielsweise nach einer Dürreperiode. Die Menschen haben zwangsweise gefastet. Dabei haben die Zellen aufgeräumt, so sind wir programmiert. Heute ist Essen permanent verfügbar und der Körper ist so sehr mit der ständigen Verdauung belastet, dass er gar keine Zeit zum Aufräumen findet. Der Müll bleibt liegen und sammelt sich zu Ablagerungen an. Solange man jung ist, kann der Körper das vielleicht gut wegstecken. Aber im Alter können diese Ablagerungen zu neurodegenerativen Erkrankungen wie
Alzheimer oder Parkinson führen. Auch Autoimmunerkrankungen oder Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes stehen damit in Zusammenhang. Fasten ist wie ein kleiner Neustart. Das Immunsystem arbeitet wieder effektiver, Unverträglichkeiten bessern sich oft. Wenn wir alt werden und dabei gesund bleiben wollen, ist regelmäßiges Fasten sehr sinnvoll. Studien bestätigen, dass Fasten zur biologischen Verjüngung führt.«
Wie lange muss man durchhalten, damit der Körper in die Autophagie umschaltet?
Melanie Behrens: »Die Autophagie setzt bei den meisten Menschen nach 12 bis 16 Stunden ein, sobald die Zuckerspeicher sich geleert haben. Je länger ich faste, desto effektiver wird sie. Ab etwa 72 Stunden wird das Maximum der Autophagie erreicht.«
Es gibt verschiedene Fastenmethoden. Welche ist für wen am besten geeignet?
Melanie Behrens: »Es kommt immer darauf an, was ich erreichen will. Wer präventiv fasten möchte, dem empfehle ich Intervallfasten. Das kann man dauerhaft in seinen Alltag integrieren, genau wie verschiedene Varianten des Leberfastens. Vom Heilfasten nach Buchinger können beispielsweise Menschen mit chronischen Entzündungen profitieren. Das ist das klassische Nullfasten, erlaubt sind nur Wasser, Tee, Gemüsebrühe und Säfte. Das ist im stressigen Alltag schwer umsetzbar, dafür braucht man Ruhe. Da es hier einiges zu beachten gilt – Entlastungstage, Aufbautage, regelmäßige Einläufe und andere Entgiftungsunterstützung – sollte man sich beim Heilfasten professionell begleiten lassen. Es gibt Angebote wie Fasten & Wandern, das ist aus meiner Sicht eine perfekte Kombination.«
Wer sollte die Finger vom Fasten lassen?
Stephanie Born: »Fasten ist für den Körper anstrengend und unter bestimmten Voraussetzungen riskant. So sollten Schwangere und Stillende sowie Kinder und Jugendliche nicht fasten. Ihr Energiebedarf ist zu hoch. Auch für Menschen mit Essstörungen ist Fasten ungeeignet. Leute mit chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck sollten vor dem Fasten unbedingt ihren Arzt konsultieren.«
Hat Fasten auch langfristige positive Wirkungen?
Melanie Behrens: »Die meisten Menschen essen nach dem Fasten bewusster. Sie stellen ihre Ernährungsgewohnheiten um, nehmen sich mehr Zeit und entscheiden sich öfter für gute Lebensmittel. Es ist doch so: Du bist, was du isst. Viele Zivilisationskrankheiten entstehen durch falsche Ernährung. Eine gute Ernährung ist die beste Medizin. Wer fastet und danach so weitermacht wie zuvor, erlebt eine unangenehme Überraschung: den Jo-Jo-Effekt. Beim Fasten ist der Körper im Ausnahmezustand, sobald er danach wieder Essen bekommt, hält
er es fest und nimmt schneller zu.«
Naturheilkundliches Therapeutikum
Patriotischer Weg 16
Intervallfasten – Anleitung
Lust auf Fasten, aber nicht auf tagelangen Essensverzicht? Dann ist Intervallfasten die Methode der Wahl. Die Essenspausen sind nämlich kürzer.
Es gibt verschiedene Varianten: Die 16:8-Methode ist der Klassiker. Man isst täglich in einem Zeitraum von acht Stunden normal, und in den verbleibenden 16 Stunden nichts. Kleiner Trost: In die Fastenphase fällt auch die Schlafenszeit. Das ist die beliebteste Form, da sie alltagstauglich ist. Die 5:2-Methode: An fünf Tagen pro Woche isst man ganz normal. An zwei Tagen reduziert man die Kalorienzufuhr auf etwa 500 bis 600 kcal. Das ist etwa ein Viertel der sonst benötigten Kalorienmenge.
OMAD (»One Meal A Day«) ist ein Modell für Fortgeschrittene. Die Fastenphase ist hier besonders lang, man isst nur eine große Mahlzeit am Tag. Entscheidungshilfe: Welche Mahlzeit ist die Unwichtigste? Morgenmuffeln fällt es oft am leichtesten, das Frühstück wegzulassen. Sie fasten beispielsweise von 20 bis 12 Uhr. Wer morgens Energie braucht, kann das Abendessen ausfallen
lassen und fastet von 16 bis 8 Uhr.
Die Regeln: In der Fastenzeit sind Kalorien tabu. Erlaubt sind ausschließlich: Wasser, ungesüßter Tee, schwarzer Kaffee (ohne Milch und Zucker!). Verboten sind: Säfte, Softdrinks, Kaugummi mit Zucker. In der Essensphase hat man keinen Freifahrtschein für Fast Food und hochverarbeitete Lebensmittel. Viel besser: Gemüse, hochwertige Proteine und gesunde Fette. Gute Lebensmittel sind beispielsweise: Avocado, griechischer Joghurt, Omelett oder Lachs. Zwei Hauptmahlzeiten sind ideal, Snacks zwischendurch bitte verkneifen. Wenn der Heißhunger kommt, hilft ein großes Glas warmes Wasser.
Was passiert im Körper? Am ersten Tag fällt es noch schwer, aber nach wenigen Tagen verschwindet bei vielen das Hungergefühl. Dafür freuen sie sich über besseren Schlaf und eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit.



