Jonathan Schleißing lässt einen Balken neben dem Anhänger fallen und verschnauft kurz. Der Forstwissenschaftler und Naturpädagoge wird sich gleich zum dritten Mal durchs Hütelmoor schlagen, auf einem alten, mannshoch überwucherten Plattenweg, mindestens einen halben Kilometer geradeaus. Dort hat ein Mitstreiter gestern einen morschen Hochstand in seine Einzelteile zersägt. Die Freiwilligen schaffen das olle Holz heute Vormittag aus dem Moor. Ein echter Knochenjob, für den das Rostocker Forstamt weder Zeit noch Personal hat. »Hier kommen wir ins Spiel«, erklärt Schleißing, er ist fest beim Bergwaldprojekt angestellt und leitet den Einsatz an der Ostsee. »Wir unterstützen Forstämter vor allem dort, wo Handarbeit gefragt ist.« 1993 wurde der Verein Bergwaldprojekt gegründet, um Ökosysteme zu schützen, zu erhalten und zu pflegen. An etwa 100 Standorten – Wälder, Moore, Biotope – zwischen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern organisiert der Verein Einsätze mit Freiwilligen. Seit 2013 auch in der Rostocker Heide.
Eine Woche lang packen die Teilnehmer tatkräftig an – für den Naturschutz. Seitdem haben sie zigtausende Eichensetzlinge in die Erde gebracht, das Moor wieder vernässt, alte Weidezäune rückgebaut, Müll am Naturstrand gesammelt und Heideflächen freigeschnitten. Heute früh, gleich nach dem Frühstück, haben sie schon säckeweise jahrzehntealte Plastikfolie aus dem Waldboden geborgen. Später, sobald der alte Hochstand restlos beräumt ist, wollen sie einen alten Wildschutzzaun zurück bauen. Der stammt genau wie der Hochsitz noch aus DDR-Zeiten, als das Hütelmoor landwirtschaftlich genutzt und dafür trockengelegt wurde. »Moore speichern Unmengen an Kohlenstoff. Sobald sie trocken gelegt werden, entweicht dieser als Treibhausgas Kohlenstoffdioxid«, erklärt Jonathan Schleißing. »Wenn wir Moore wieder vernässen, können diese Emissionen sofort gestoppt werden.«
In den vergangenen Tagen haben sie eine Fläche auf der Reminschen Wiese von Hand gemäht, um seltenen Orchideen Licht und Luft zu verschaffen. Und mit Schubkarren und Spaten einen alten Entwässerungsgraben im Moor verfüllt.
Mit Urlaub hat so eine Bergwald-Woche nichts zu tun. Trotzdem sind Sabine und Norbert, vom Niederrhein und beide um die 60, schon das siebte Jahr bei einem Projekt dabei. In der Rostocker Heide sind sie das zweite Mal. »In erster Linie machen wir das aus ökologischer Überzeugung, wir wollen dem Klimawandel etwas entgegensetzen und sind gern draußen.« Aber auch, um neuen Menschen zu begegnen, und etwas dazuzulernen. Erst heute konnten sie im Hütelmoor den seltenen Gesängen von Rohrdommel und Gelbspötter lauschen – zwei Vogelarten, die erst durch die Wiedervernässung zurückgekehrt sind. Wolle kommt aus der Nähe von Augsburg und ist seit 2013 bei jedem Einsatz an der Ostsee dabei. »Ich bin in Bayern im Einklang mit der Natur aufgewachsen und habe mein Herz an die
Rostocker Heide verloren.« Nebenbei ist er ein großer Plattdeutsch-Freund, erzählt der 72-Jährige schmunzelnd. »Wir sind sehr froh über die Unterstützung«, erklärt Revierförster Christoph Willert, zuständig für Hinrichshagen. Das Stadtforstamt überträgt dem Bergwaldprojekt Spezialaufgaben, die es selbst nicht leisten kann. Gerade bei der Renaturierung der Moore haben die Rostocker dem Verein viel zu verdanken. »Um die Moore wieder zu vernässen, sind viele Handgriffe nötig und das Bergwaldprojekt hat in dem Bereich eine Menge Erfahrung.« Die Freiwilligen arbeiten für Kost und einfache Logis in der Forstbaumschule Hinrichshagen. Die Einsätze werden von den Forstämtern, die sie engagieren, und über Spenden finanziert.
BERGWALDPROJEKT e.V. in Zahlen
Rund 50.000 Freiwillige waren in Deutschland bisher im Einsatz.
Mehr als 6 Millionen Bäume wurden gepflanzt.
Rund 20.000 Kilometer nicht mehr genutzte Wildschutzzäune wurden demontiert.
172 Projektwochen sind für 2026 an 95 verschiedenen Standorten für mehr als 5.000 Freiwillige organisiert.
Infos und Termine unter:



