Einer der Orte, die mit dem Fortschritt der Digitalisierung komplett aus dem Stadtbild verschwunden sind, ist die Videothek. In den Neunzigern noch waren diese Läden mehr als einfach nur Geschäfte zum Ausleihen von Filmen. Es waren Treffpunkte zum Verweilen und Quatschen, zum Austausch und nerdiger Wissensvermittlung – sozial relevant. Mit dem Siegeszug der ganzen Streaming-Dienste wurden Videotheken obsolet, eine Entwicklung, die kaum aufzuhalten war. In Inga Hankas Debütroman »Little Hollywood« steht der Titel für den Namen einer Videothek, die Dreh- und Angelpunkt für eine berührende Coming-of-Age-Geschichte ist.
Leonie hat gerade ihr Abitur geschafft. Der letzte Sommer vor dem sogenannten Rest des Lebens beginnt, alles riecht nach Aufbruch, aber auch nach Ungewissheit. Es ist das Jahr 1999 und damit endet nicht nur die Schulzeit, sondern ein ganzes Jahrtausend; nicht mehr lange und die Zukunft beginnt. So richtig weiß Leonie nicht, was sie will. Irgendwas im Filmgeschäft, dafür bewirbt sie sich auch an einer Hochschule in Köln, aber ob sie das wirklich durchziehen wird, ist fraglich. Zuhause läuft es nicht gut: Ihr grober Vater hat die Familie verlassen, die Mutter verfällt oft in depressive Phasen und ihr jüngerer Bruder Ben hat ein paar ernste Zwangshandlungen entwickelt. Dennoch raufen sich die drei immer so weit zusammen, dass ein Familienleben möglich ist – zumindest oberflächlich.
Ecco Verlag 2026, 352 Seiten, 24 Euro
Emotionalen Ausgleich findet Leonie in Hollywood-Filmen. Hier kann sie sich in die Geschichten fallen lassen wie in weiche Kissen, kann ihre Gefühle orten, benennen und lernen, mit ihnen zu leben. Das Little Hollywood, die Videothek in ihrem kleinen Wohnort, ist aber nicht nur das Tor ins Reich der Fantasie, sondern auch Arbeitsplatz von Jo, den Leonie schon seit einiger Zeit sehr interessant findet – auch wenn sie das nie zugeben würde. Dieser moderne James Dean mit dem undurchdringlichen Blick, aus dem man nichts ablesen kann, der »Schnaps und Unfug« auf den Arm tätowiert hat und bei einer Abiprüfung angeblich ein leeres Blatt abgegeben haben soll. Es bahnt sich eine Freundschaft an, aus der langsam eine Liebe keimt …
Natürlich hat auch Jo familiäre Probleme, so viel sei hier verraten. Leo und Jo erleben Aufs und Abs, wenn sich eine Tür öffnet, schließt sich eine andere, und das Kennen- und Verstehen lernen ist ein Prozess, der nicht immer einfach ist. Inga Hanka findet für die vielen und oft widersprüchlichen Gefühle und Gedanken der beiden wunderbar passende Sätze, die den Figuren eine immense Tiefe geben. Sie geben sich stark und cool, sind aber in Wirklichkeit unsicher und sensibel. Trifft das nicht auf alle Jugendlichen zu? Auch heute noch? Die Autorin weiß diesen Zustand jedenfalls in Worte zu packen.
Wie Inga Hanka diese beiden jungen Menschen einen verheißungsvollen und auch tragischen Sommer lang miteinander tanzen lässt, ist so berührend wie ein alter Hollywood-Streifen aus jener Zeit. Wer die Neunziger nicht miterlebt hat, mag sich das vielleicht gar nicht richtig vorstellen können. Keine Smartphones, kein Social Media, keine Ablenkung – nur echtes Miteinander. Vielleicht war das trotz allem Chaos die letzte wirklich unschuldige Zeit. »Little Hollywood« ist neben der ergreifenden Coming-of-age-Geschichte eben auch ein nostalgischer Blick auf eine Zeit, die noch nicht lange her, aber dennoch vergangen ist. Ein ganz wunderbares Buch.
Booksters Buchtipp
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