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Gerhard Geßler (rechts) und Kurt Welke sind Rad-Enthusiasten und wollen die Rostocker Radrennbahn aus dem Schatten holen.

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40 Jahre Rostocker Radrennbahn: Aus dem Schatten

Viele Rostocker haben die historische Strecke noch nie gesehen. Dabei ist ihre Geschichte fast unglaublich. Rad-Enthusiasten wollen sie nun ins Licht rücken.

Gerhard Geßler (links) und Kurt Welke mit einem Derny-Gespann auf der rostocker Radrennbahn
Gerhard Geßler (links) und Kurt Welke mit einem Derny-Gespann. Fotos: Mathias Rövensthal

Es ist einer der heißtesten Tage des Sommers. Selbst den Vögeln ist es zu warm zum Trällern. Nur ein Surren liegt in der Luft. Zwei jungen Radsportlern macht die Temperatur scheinbar wenig aus, konzentriert rasen sie auf ihren Hightech-Rädern um die Bahnkurven. Kurt Welke steht oben am Geländer und schaut zu. So wie schon vor vier Jahrzehnten, als Jan Ullrich und André Greipel Ende der 80er-Jahre ihre ersten Trainings auf der nagelneuen Bahn absolviert haben. Auch wenn der 86-jährige Welke selbst nie leistungssportlich Rennrad gefahren ist, ist ihm die Bahn so vertraut wie niemandem sonst. Der Landschaftsarchitekt hat sie nämlich gebaut. Unter Umständen, zu denen man heute sagen würde: verrückt. »Nichtsdestotrotz gehört sie zu den besten Radrennbahnen. Beim Fahren spürt man keine Wellen und keine Fuge«, darüber staunt Gerhard Geßler immer noch. Geßler stammt aus Bielefeld und kennt die Geschichte seines Freundes Kurt Welke auswendig. Vor fünf Jahren ist er an die Ostsee gezogen. Der 71-Jährige hat ein Faible für alte Radbahnen. An die Rostocker Bahn hat er sein Herz verloren. Aber dazu später.

Die Rostocker Radrennbahn ist Kurt Welkes ganzer Stolz.
Die Radrennbahn ist Kurt Welkes ganzer Stolz.

Du besorgst das Geld, den Rest mach ich!

Anfang der 80er-Jahre war der Radrennsport in Rostock eine große Sache. Auch der Sohn von Kurt Welke hat bei Motor Rostock trainiert. »Leider gab es hier keine Radrennbahn für schnelle Geschwindigkeiten. Die Rostocker Sportler hatten einen großen Nachteil gegenüber Berlin oder Erfurt, wo die Trainingsbedingungen viel besser waren.« Trainer Peter Sager hat Kurt Welke sein Herz ausgeschüttet. »Da hatte ich eine große Klappe und habe gesagt: ´Peter, du besorgst das Geld, den Rest mach ich!´«. Kurt Welke hatte zwar keine Erfahrung mit Radrennbahnen und auch keine Baugenehmigung, dafür jede Menge Tatendrang. Er hat Bahnen in Erfurt, Halle und Leipzig inspiziert, ist auf eigene Kosten nach Moskau geflogen. Mit einem Mathematiker hat er den perfekten Neigungswinkel in den Kurven berechnet. 38 Grad. Welke war selbstständig mit einem Landschafts- und Straßenbaubetrieb und er war gut vernetzt. »Einer half dem anderen, so war das damals. Über andere Betriebe kam ich an Material.« An den Wochenenden und nach Feierabend haben Arbeiter mit ihm auf der Baustelle geschuftet, umsonst und neben ihrem regulären Job. »Auch Strafgefangene haben bei uns ihre Stunden abgeleistet, die Polizei stand daneben und hat aufgepasst.« Kurt Welke hat selbst unzählige Stunden auf dem Bauch gelegen und mit Reibbrettern den frischen Beton abgerieben, damit er perfekt glatt wird. Über vier Jahre haben sich die Arbeiten an der 250 Meter langen Bahn gezogen. Ohne den umtriebigen Bauleiter wäre sie wohl nie fertig geworden. Ständig tauchten neue Probleme auf. Zum Beispiel: Wie betoniert man eine sehr schräge Betonbahn, ohne dass der Beton gen Boden fließt? Die Rettung war Ulrich Müthers Betonspritzverfahren, das hatte der ursprünglich für seine berühmten Schalenbauten wie den Teepott ausgetüftelt.

»Wie betoniert man eine sehr schräge Betonbahn, ohne dass der Beton gen Boden fließt?«

Landschaftsarchitekt und Bauherr der Radrennbahn Kurt Welke

Goldene Jahre

Die Bahn hatte nach ihrer Fertigstellung 1986 goldene Jahre. Große Namen haben hier trainiert, wichtige Wettkämpfe wurden ausgetragen. Seit ein paar Jahren versuchen ein paar Radsportverrückte wie Gerhard Geßler, die historische Bahn wieder mehr ins Bewusstsein der Rostocker zu bringen. Sie fürchten, dass sie an Bedeutung verliert, weil in Schwerin ein modernes Radsportzentrum gebaut wird – und alle Förderung künftig dorthin fließt. Was ihnen Mut macht: Die Rostocker Radrennbahn ist nun offiziell ein Baudenkmal. »Damit eröffnen sich hoffentlich neue Fördermöglichkeiten«, wünscht sich Geßler. Er weiß, wie er Zuschauer anlocken will: mit Steher-Rennen. Dabei knattern Motorräder auf der Rennbahn vorweg. Die Fahrer, Schrittmacher genannt, stehen auf ihren Fußrasten. Dich dahinter, in ihrem Windschatten, erreichen Radsportler bis zu 70 km/h. Der Rad-Enthusiast war 45 Jahre lang Schrittmacher, sehr erfolgreich, er war Deutscher Meister und Europameister. »Der Klang der Motoren, die Geschwindigkeit, das muss man erleben, das ist unglaublich.« Zu den Rennen auf der Rostocker Radrennbahn kommen regelmäßig bis zu 500 Zuschauer aus ganz Deutschland. Am 5. September wird zum 16. Mal der Ostseepreis der Steher in Rostock ausgetragen. Der Eintritt ist frei.

Rostocker Radrennbahn – Tag des offenen Denkmals

Wer mehr wissen will: Am 13. September beteiligt sich die Radrennbahn am Tag des offenen Denkmalsexterner Link mit historischen Führungen und Rennen der Steher und Dernys.

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