externer Link
WIRO.de
Zur Startseite der Wiro Aktuell
Lesen ist großartig – nur was? Für alle WIRO-Mieter, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat eine aktuelle Lektüre. Sein Buch-Tipp im September: Der Roman »Nelka« von Svenja Leiber.

Wohnen + Leben

Booksters Buchtipp: »Nelka« von Svenja Leiber

Lesen ist großartig – nur was? Für alle WIRO-Mieter, die Inspiration suchen, präsentiert Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat eine aktuelle Lektüre.

Nelka kehrt nach Jahrzehnten auf einen Bauernhof in Norddeutschland zurück. Hier musste sie im Zweiten Weltkrieg unter harter Führung Zwangsarbeit verrichten, bei Marten, dem damaligen Verwalter des Hofes, der nach dem Krieg als Apfelbauer groß Karriere machen konnte. Es sind die späten 1990er-Jahre, Nelka kündigt den Besuch bei ihrem Peiniger per Brief an, was längst begrabene Schuldgefühle in ihm freilegt. Ihr Name allein lässt ihn erschaudern – Nelka, eine der vielen Ostarbeiterinnen, die durch seinen Hof und seine Hände gingen, doch diese war besonders. 

Aufgewachsen in Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, lernt die junge Nelka von ihrem Vater viel über Äpfel. Das Veredeln der Bäume, die Zucht, die Vor- und Nachteile einzelner Sorten – ein Wissen, das für sie noch vor Vorteil sein wird. Als die Nazis später in Osteuropa wüten, wird Nelka wie Millionen anderer zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt. Auf dem Hof in Schleswig-Holstein fällt sie durch ihre Kenntnisse in Sachen Apfelanbau sofort auf und erhält von Marten gewisse Privilegien. Eines davon ist das Nächtigen im Herrenhaus, was für Nelka natürlich angenehmer ist als die Baracken, in denen die anderen Arbeiterinnen hausen müssen, sie aber gefährlich nah an den Verwalter bringt, der als waschechter Kollaborateur und Wendehals nach allem greift, was er zu fassen kriegt.

Svenja Leiber, »Nelka«, Hardcover Suhrkamp Verlag 2026, 204 Seiten, 24 Euro

Svenja Leiber hat mit Nelka eine Figur geschaffen, die stellvertretend für rund 20 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus steht – ein Thema, das in der großen Menge an Romanen über den Zweiten Weltkrieg doch eher selten bearbeitet wird. Dies tut sie in verhältnismäßig ruhigem Ton; die Sätze sind schnörkellos, eher trocken und immer zielgerichtet. In stetem Wechsel zwischen den Zeiten heute – was ja auch schon dreißig Jahre her ist – und damals – dem Aufwachsen Nelkas in ihrer polnischen Heimat, der Verschleppung und dem anschließenden Leid, das ihr widerfährt – wird ein Erzählgeflecht gewoben, das nach und nach den Blick auf ein ganzes Leben freigibt, und das auf gerade mal zweihundert Seiten. »Nelka« erinnert atmosphärisch ein wenig an den im letzten Jahr sehr erfolgreichen Roman »Schwebende Lasten« von Annette Gröschner, die mit ähnlich ruhigem Ton durch ein hochdramatisches Leben führte. 

Sehr in Erinnerung bleiben die Nebenfiguren, die mit viel Liebe gezeichnet sind. Darunter Gonda, die Haushälterin von Marten, aber allen voran Nelkas Freundin und Mitgefangene Schura, die in ihren Flüchen auf alles Deutsche kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie sorgt wie ein moderner Sidekickfür ein bisschen Auflockerung in all der Tragik und wächst beim Lesen tatsächlich sehr ans Herz. 

»Nelka« ist ein sehr lesenswerter Roman. Ruhig und dennoch berührend geschrieben, mit einer tragischen Geschichte und einer wichtigen Botschaft gegen das Vergessen – ganz besonders in Zeiten wie diesen. 

Titelfoto: Mathias Rövensthal

Booksters Buchtipp

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch im WIRO-Magazin.

Der Link zum Buch-Blog von Stefan “Bookster” Härtel:

Link kopieren
Drucken
Grafik - empfangene E-Mail, Hand hält ein Mobiltelefon mit einem Icon, dass eingegangene E-Mails anzeigt

WIRO aktuell Newsletter

Neues aus der Stadt, Geschichten aus der Nachbarschaft + Tipps zu Veranstaltungen, Terminen und Freizeit in Rostock. Der WIRO-Newsletter bringt Ihnen alle vier Wochen das Beste aus unserer Heimatstadt kostenlos nach Hause.

Jetzt abonnieren!