Dank der Traumfabrik Hollywood sind in diesem Jahr zwei uralte Klassiker wieder in den Fokus des lesenden Publikums gerückt – Homers »Ilias« und »Odyssee«. Viele Jahrhunderte galten diese beiden Epen um den Trojanischen Krieg und den König von Ithaka als reine Literatur, fiktive Abenteuer an imaginären Orten, vergleichbar mit Westeros oder Mittelerde. Doch im 19. Jahrhundert gab es einen Mann, der der festen Überzeugung war, dass Homer Orte wie Troja und den Palast von Odysseus wirklich gesehen haben musste. Es stehe doch alles im Text, man müsse nur danach suchen.
Dieser Mann war Heinrich Schliemann, über dessen Leben Gregor Sander jetzt ein Roman geschrieben hat: »Troja, später Nachmittag«. Geboren 1822 im mecklenburgischen Neubukow und aufgewachsen als eines von neun Kindern in Ankershagen zwischen Waren und Neustrelitz, machte sich Heinrich früh auf in die Welt, um sich als Geschäftsmann einen Namen zu machen, was ihm auch äußerst erfolgreich gelang. Rund um den Erdball führten ihn seine Reisen, Holland, Lateinamerika, Kalifornien und Sankt Petersburg waren die Stationen, auf denen er dank seiner wirtschaftlichen Schläue zu einem reichen Mann wurde. Als unstudiertes Kind vom Lande hatte Schliemann einen ziemlich guten Riecher für die wirtschaftlichen Lagen seiner Zeit und eine angeborene Affinität zu Sprachen, was es ihm ermöglichte, überall auf der Welt Fuß zu fassen.
Gregor Sander, »Troja, später Nachmittag«, Hardcover , Penguin Verlag 2026, 320 Seiten, 24 Euro
Zwei Dinge nahm er aus Ankershagen mit: Die Liebe zu seiner Jugendfreundin Minna und – gestohlen aus der Bibliothek von Minnas Vater – Homers »Ilias« in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, der einst als Hauslehrer ebenfalls in Ankershagen gewirkt hatte. Über Jahrzehnte war das Buch bloßes Gepäckstück, das ihn an seine Heimat und seine Jugendliebe erinnern sollte, doch als sich Schliemann mit über vierzig neuen Herausforderungen stellen wollte – als Kaufmann hatte er ja schon alles erreicht –, begann er Homers Werk zu studieren. Wie es seinem Naturell entsprach, vertiefte er sich so intensiv in das Buch, dass ihm der Gedanke kam, dass er Geld und Einfluss, von denen er reichlich hatte, in die Suche nach den historischen Orte stecken könne. Diese Suche, die rückblickend als die Geburtsstunde der modernen Archäologie bezeichnet werden darf, füllte sein Leben bis zum Schluss aus und begründete seinen Ruhm als einen der wichtigsten Pioniere auf diesem Gebiet.
Für »Troja, später Nachmittag« hat Gregor Sander einige Jahre recherchiert, besuchte viele Stationen von Schliemanns Reisen und hat schließlich einen locker wegzulesenden Roman vorgelegt. Auch wenn der Titel den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Ausgrabungen vermuten lässt, ist der Text gut austariert auf die ganze Lebensspanne dieses sehr interessanten Mannes verteilt. Die Jugend in Ankershagen in schwierigen familiären Verhältnissen, die Erfolge als Geschäftsmann, die homerischen Obsessionen – das alles erzählt Sander in nordisch-entspanntem Ton, oft gewürzt mit einer guten Prise Humor.
Schliemann war als Mensch sicher nicht einfach, übertrieb und überhöhte sich oft und opferte gern mal jemanden aus seinem Umfeld zum eigenen Vorteil, und auch diese Seiten zeigt der Autor auf. Stilistisch greift Sander auf viele Schreibarten zurück. Neben herkömmlicher Prosa nutzt er auch Briefe und Tagebuchauszüge, um die Geschichte zu erzählen. Selbst einen (sehr unterhaltsamen) Fiebertraum – ausgelöst durch den Stich einer Biene – gibt es zu lesen.
»Troja, später Nachmittag« ist weniger als historisch genaue Biografie konzipiert, es ist ein unterhaltsamer Roman, der große Lust entfacht, sich mit Heinrich Schliemann und dessen wissenschaftlichem Erbe zu beschäftigen.
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