FOTOS: DOMUSIMAGES UND MATHIAS RÖVENSTAHL Hallo, Nachbar Fledermaus! Veronika Patrzek Sie leben in jedem Stadtteil, mitten unter uns. Versteckt unter Dachschindeln, in Fassadenfugen und hinter Regenrinnen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit flattern Fledermäuse wie lautlose Schatten über unseren Köpfen. Für die Tiere der Nacht sind unwirtliche Zeiten angebrochen. In der Stadt werden die Quartiere knapp. Fledemäuse schlüpfen in Winkel und Hohlräume in Fassaden, unter lose Dachsteine, richten sich hier auch Wochenstuben zur Aufzucht der Jungen ein. Nur: Es gibt kaum noch Ritzen und Löcher. Die Hausbesitzer schmieren alle zu, wenn sie Fassaden sanieren und isolieren. Christina Augustin kennt sich mit den bedrohten Fledertieren gut aus. Die promovierte Biologin ist Sachgebietsleiterin für Naturschutz im Rostocker Amt für Stadtgrün, Naturschutz und Friedhofswesen. Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich im Fledermausschutz. Darum steht heute ein blauer Schuhkarton auf ihrem Schreibtisch. Vorsichtig öffnet sie den Deckel. Neun Fledermausbabys, höchstens zwei Zentimeter groß, kuscheln sich aneinander. Die hilflosen Jungtiere sind aus ihrer Wochenstube gepurzelt, ein Mann hat sie vor seiner Haustür gefunden und die Fledermausexpertin verständigt. Alle zwei Stunden flößt Christina Augustin ihnen mit einer dünnen Pipette ein paar Tröpfchen Ersatzmilch ein. In Rostock leben mindestens elf Fledermausarten. Christina Augustin und ihre Kollegen geben acht, dass die Bestände – auch von anderen bedrohten Arten – nicht weiter schrumpfen. Sie versuchen, einen Ausgleich durchzusetzen: zwischen Städtebau und energetischen Sanierungen auf der einen Seite, den Bedürfnissen der Tiere auf der anderen. Wie das funktioniert, können Rostocker in der Lortzingstraße 6 bis 8 sehen. Der obere Teil der Klinkerfassade in Warnemünde ist gespickt mit unterschiedlichen Kästen. Insgesamt 18 neue Quartiere hat die WIRO vor wenigen Wochen für Fledermäuse, Mauersegler und andere Vogelarten, die an Gebäuden brüten, angebracht. Bis vor einem Jahr bot der 80 Jahre alte Wohnblock noch jede Menge Rückzugsorte für Vögel: lose Klinker und Ziegel, ein undichtes Dach mit vielen Ritzen. Nun rekonstruiert die WIRO das alte Haus. Neben dem Umbau im Inneren wurden das Dach erneuert, die Fassade ausgebessert und abgedichtet. Die fliegenden Bewohner wären obdachlos, wenn die WIRO nicht rechtzeitig für Ersatz gesorgt hätte. Noch ein Beispiel: Bei der Sanierung des WIRO-Jugendwohnheims in Lichtenhagen kamen 2023 nicht nur Baumängel aus DDR-Zeiten ans Licht, sondern auch jede Menge Vogelarten, die sich zwischen den Platten und dahinter eingerichtet hatten. An der Fassade des Sechsgeschossers in der Schleswiger Straße findet sich heute: Schlitze in der Dämmung, Nistkästen, künstliche Schwalbennester, Löcher in den Lüftungsschächten. Veronika Patrzek, die Projektleiterin der WIRO hat die Sanierungen in Lichtenhagen und in Warnemünde betreut: »Ohne Frage: Artenschutz ist aufwändig, er kostet viel Zeit und Geld. Aber er lohnt sich. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie die Tiere ihr neues Zuhause annehmen.« Ob Neubau oder Sanierung: Oft sind geschützte Tiere betroffen. Darum sollte ein Bauherr mit jedem Bau- antrag auch Maßnahmen für den Artenschutz einplanen – damit Christina Augustin eine Naturschutzgenehmigung erteilt. So sieht es das Bundesnaturschutzgesetz vor. Ausgleichsmaßnahmen können Ersatzquartiere, aber auch neue Nahrungsflächen wie begrünte Dächer, heimische Obstbäume und Stauden sein. Im besten Fall, sagt die Sachgebietsleiterin, macht man es wie die WIRO und bezieht von Anfang an einen Artenschutzgutachter mit ein. Der erfasst die Tiere, die im und am Haus leben. Er bewertet, ob alte Nistplätze erhalten werden sollten und berät bei der Auswahl In der Lortzingstraße 6 bis 8 hat die WIRO 18 Nistkästen angebracht. Manche sind flach und haben nur einen schmalen Schlitz – das mögen Fledermäuse. Andere Vogelarten brauchen mehr Platz und Einfluglöcher. WIRO mittendrin 8
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