Als Ulrich Kons (Titelfoto) ein junger Ruderer war, lag die Messlatte hoch: »Wenn wir ohne Medaille von einer Welt- oder Europameisterschaft zurückkamen, wurden wir schief angeguckt.« Das ist lange her. Der 71-Jährige steht vor der Bootshalle in Kessin. Die Sonne scheint auf die Idylle am Warnowufer, auf das perfekt gepflegte Vereinsgelände, den Ablegesteg: »In meiner sportlichen
Laufbahn gab es Höhen und Tiefen, aber das hier war immer mein Zuhause.« Dabei war Sport anfangs gar nicht sein Ding. »Ich war im Schulsport ein Vierer-Kandidat.« Gymnastik und Turnen? Horror. »Ich wusste gar nicht, wohin mit meinen langen Beinen.« Weil er mit elf Jahren so groß gewachsen war, legte man dem Greifswalder Jungen das Rudern ans Herz. »Da ist der Funke übergesprungen, das hat mir richtig Spaß gemacht.«
1969, mit 14, kam er nach Rostock auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) und trainierte fortan im Leistungssportzentrum des Armeesportklubs (ASK) »Vorwärts« Rostock. Die Sektion Rudern hatte ihren Sitz in Kessin, wegen der idealen Bedingungen auf der Unterwarnow.
Ulrich Kons war hier täglich – außer er war bei Wettkämpfen. Bei Wind und Wetter ist er aufs Wasser gegangen, hat im Kraftraum oder im Ruderbecken geschwitzt. Und er hat abgeräumt: 1973 wurde er Juniorenweltmeister im Doppelzweier, 1982 Weltmeister im Vierer und 1980 in Moskau Olympiasieger im Achter. Eine Zeit, an die er bis heute mit einem warmen Gefühl zurückdenkt. Seine Leistungssportkarriere hat Ulrich Kons mit 29 Jahren beendet. Aber der Rudersport blieb. Kurzfassung: Nach dem Sportstudium Anstellung beim ASK. Wende. Neustart für den Verein als Olympischer Ruderclub Rostock von 1956 e. V. (ORC) – und für Ulrich Kons als Pharmavertreter. Dem ORC blieb er immer verbunden, nach seinem Rentenbeginn 2019 hat er den Vereinsvorsitz übernommen. Der Verein zählt heute 200 Mitglieder, darunter viele ehemalige Leistungssportler, die nur noch zum Ausgleich rudern. »Und wir sind nach wie vor Landesleistungszentrum und Bundesstützpunkt für den Rudersport.« Talente aus anderen Vereinen, etwa 50 Leistungssportler insgesamt, trainieren in Kessin bei einem der fünf festangestellten Trainer.
Mit Erfolg: Seit 2004 waren bei allen Olympischen Spielen auch Schützlinge aus Kessin am Start.
70 Jahre ORC – die Chronik:
1956: Gründung des ASK »Vorwärts« Rostock, Leistungssportzentrum Rudern in Gehlsdorf
1961: Umzug der Sektion Rudern nach Kessin
1990: Gründung des ORC als Nachfolger
Heute: Der Vereinssitz an der Neubrandenburger Straße ist Landes- und Bundesleistungszentrum für MV
Olympischer Ruderclub Rostock / Neubrandenburger Straße 47
Schwerpunkt Breitensport
RRC-Bootshalle am Gehlsdorfer Ufer.
Ein paar Hundert Meter weiter nördlich, am Gehlsdorfer Ufer beim Rostocker Ruder-Club (RRC), schaut Sven Nagel auf die Warnow. Zwei-Meter-Mann, breites Kreuz, verschmitztes Lachen. Auch für den 56-Jährigen spielt das Rudern eine Hauptrolle im Leben. Der Rostocker kam erst mit 17 Jahren zum Sport, nach einer turbulenten Kindheit fand er in dem Wassersport seine Mitte. »Für Leistungssport war es bei mir leider zu spät.« Normalerweise beginnen Kinder mit etwa zehn Jahren mit dem Training. Wenn sich nach ein paar Jahren zeigt, dass Begeisterung, Talent und
Körpergröße passen, werden sie zum ORC nach Kessin delegiert und dort leistungssportlich gefördert. So wie RRC-Schützling Oliver Holtz, er wurde kürzlich U23-Vizeweltmeister im Einer.
Im Verein sind Medaillen aber nicht das Maß der Dinge, erklärt Sven Nagel, seit einem Jahr Vorsitzender. Das war schon vor 141 Jahren so, als ein paar Rostocker Herren den Rostocker Ruderclub gründeten. »Damals war Rudern noch ein Sport für die ›Oberen‹, es ging um Sehen und Gesehenwerden«, erklärt Ronald Förster, 2. Vorsitzender. Zu DDR-Zeiten waren die Gehlsdorfer als Sektion der BSG »Motor« Rostock dann auf Leistung getrimmt, als Kaderschmiede für den ASK.
»Nach der Wende haben wir unseren Schwerpunkt wieder auf den Breitensport gelegt.« Die Mitglieder sind zwischen 8 und 85 Jahren, das Vereinsleben ist rege. »Viele Ehepaare haben sich hier kennengelernt«, erzählt Sven Nagel schmunzelnd. Ein großes Thema ist, wie in vielen Vereinen: das liebe Geld. Seine aufstrebenden Talente unterstützt der RRC, wo er kann. Ruderrennboote aus Carbon, vom Einer bis zum Achter, sind teuer. Aber auch die anderen Vereinsmitglieder, die Freizeitsportler, sollen nicht zu kurz kommen. Zum Verein gehören ein moderner Kraftraum mit Ruderergometern und eine Halle voller Boote. Nur: Manche sind schon so alt, dass sie gar nicht mehr wassertauglich sind. Demnächst bekommt der Verein ein neues Flaggschiff. Der Achter ist bereits im Bau. 19 Meter lang, 130 Kilo leicht, eine Mischung zwischen Renn- und Wanderruderboot. »Auf dem können auch unsere älteren Mitglieder ihre geliebten Touren unternehmen.« Den Kaufpreis kann der Verein nicht allein stemmen. Neben anderen Sponsoren unterstützt auch die WIRO die Anschaffung.
Rostocker Ruder-Club (RRC):
1885: Gründung des Vereins Rostocker Ruder-Club (RRC)
1914: Einweihung des Bootshauses am Gehlsdorfer Ufer
DDR: Eingliederung als Sektion Rudern in die BSG »Motor« Rostock
1992: Rückkehr zum historischen Namen »Rostocker Ruder-Club von 1885«
Rostocker Ruder-Club / Wellenweg 1:




