Bücher über aufkeimendes Liebesglück gibt es jede Menge. Auch das plötzliche Ende einer Liebe durch Unehrlichkeiten oder Schicksalsschläge aller Arten ist ein häufiges Thema, vielleicht sogar das meistbeschriebene. Aber was ist mit den Beziehungen, die einfach so vor sich hinsterben? Die ohne Grund und Drama heimlich, still und leise auf ihr Ende zutaumeln? Gisa Klönnes neuer Roman »Die Liebe, später« verhandelt genau diese Tragik, die in der realen Welt sicherlich häufiger vorkommt als man meinen würde.
Kora und Anselm sind seit vielen Jahren ein Paar. Sie sind erfolgreich in ihren Berufen – sie als Journalistin, er in einem Bundesministerium –, und bereiten sich privilegiert auf ihren Lebensabend vor. Doch pünktlich zum bevorstehenden Ruhestand erhält Kora die Diagnose eines Herzfehlers. Die erforderliche Operation ist riskant, glückt jedoch, so dass sie unerwartet in ein neues Leben starten kann, geschenkte Jahre, die gefüllt werden wollen. Pläne hat sie viele, doch merkt sie, dass Anselm mit wenig sehr zufrieden ist. Sein Interesse gilt Libellen, die er am neu angelegten Gartenteich züchten will. Mehr nicht. So sieht sein Ruhestand aus. Das ist Kora zu wenig.
Rowohlt Kindler Verlag 2026, 320 Seiten, 24 Euro
Die Liebe zu ihm ist ungebrochen – Anselm ist der Mann an ihrer Seite, daran wird sich nichts ändern. Aber die Aussicht, bis ans Ende auf den Teich zu starren, erfüllt Kora mit einer Furcht, die sie noch gar nicht an sich kannte. Ihr Herz schlägt wilder als seines, schneller, sie will mehr als er, weiß nur nicht genau, was. Doch für eine Trennung reicht dieses Ungleichgewicht längst nicht aus. Sehnsucht nach Freiheit versus ungebremste Liebe – das ist der bittere Kampf, der in Kora tobt.
Gisa Klönne, die in der Vergangenheit eher als Krimiautorin in Erscheinung trat, hat sich mit »Die Liebe, später« einem Thema angenommen, dass tatsächlich viel zu wenig ergründet wird. Das Sterben der Liebe zwischen Kora und Anselm kommt augenscheinlich unaufgeregt daher, doch zwischen den Zeilen liegt eine Tragik versteckt, die die Hauptfigur vor Lebensfragen stellt, die kaum zu beantworten sind. Kora bleibt äußerlich ruhig – ob aus Coolness oder Überforderung ist schwer zu sagen –, lässt Anselm gewähren, während ihre Sehnsucht immer größer wird.
Ein Seitenstrang der Handlung wird für Kora zur Feuerprobe: Die Frau eines Freundes ist spurlos verschwunden. Ihr Mann vermutet einen Unfall oder gar ein Gewaltverbrechen. Kora aber kommt der Gedanke, dass die Frau einfach Reißaus genommen hat, dass sie der eigenen Sehnsucht nachgegeben und ihren Mann verlassen hat. Auch eine Lösung, wenn auch keine schöne.
Klönnes Sätze kommen gänzlich ohne Pathos aus, eine große Leistung bei einem Thema wie der Liebe, dem wohl größten der Literatur seit jeher. Es wäre sicher ein Leichtes gewesen, bei dieser Geschichte in romantischen Kitsch abzurutschen, doch diesen Fehler begeht Klönne nicht. Sie schreibt mit der nüchternen Kunstfertigkeit einer lebensweisen Autorin, die vielleicht ähnliches erfahren hat.
Eine Leseempfehlung kann für ein breites Publikum ausgesprochen werden, es bleibt aber zu vermuten, dass Personen jüngeren Alters viele Facetten von Koras Kampf weniger nachvollziehen können. Vielleicht braucht es erst zwanzig, dreißig Jahre Beziehung, um die tiefe Tragik dieses Buches zu erkennen, dann aber zeigt sich die wahre Größe dieses Buches umso deutlicher.



