WIRO_September_2026

Anne Vater hätte sich früher nicht ausmalen können, dass sie eines Tages große Gruppen durch die laute Stadt führt. »Ich habe in der Schule nicht gern vor Menschen geredet.« Lampenfieber hat sie immer noch – aber das ist verflogen, sobald die Tour beginnt. Erst im April hat Anne Vater ihre siebenmonatige Ausbildung beim Rostocker Stadtführerverein und der Tourismuszentrale abgeschlossen. Mit 32 Jahren gehört sie zu den Jüngsten. Die Rostockerin hatte schon immer ein Faible für Geschichte. Sie hat es sogar studiert und in Alter Geschichte promoviert. Die Kunst der guten Stadtführung ist es, sagt sie, die Dinge herauszupicken, die das Publikum eineinhalb Stunden lang fesseln. Ein ausgefeilter Plan ist in ihrem Job Schall und Rauch. Viel kann dazwischenkommen: Eine Demo auf dem Neuen Markt oder Schulklassen, die langen Ausführungen nicht mehr folgen wollen. »Da erzähle ich lieber kurzweilige Anekdoten. Die Geschichte vom Rostocker Pfeilstorch funktioniert immer.« Oder die Sage von der Teufelskuhle in den Wallanlagen. Wo heute der tiefe See ist, soll einst ein Schloss gestanden haben – bis der Teufel es samt Bewohnern in die Tiefe gerissen hat. »Man sagt, bei schönem Wetter spiegeln sich die Umrisse vom Schloss im Wasser.« Keiner kennt Rostock so gut wie sie: Stadtführer machen die beste Werbung für die Stadt, jeder auf seine Art und aus seinem Blickwinkel. Wir stellen vier vor. Peter Writschan kennt vielleicht nicht jeden alten Stein. Aber sehr viele. Mehr als 30 Jahre war er Stadtkonservator von Rostock. Seit wenigen Wochen ist er im Ruhestand – aber sein Herzensthema, die Rostocker Baugeschichte, gibt er nicht auf. Peter Writschan unternimmt, in Kooperation mit der Volkshochschule, Rundgänge durchs Ständehaus oder durch die HMT. Außerdem bietet er Architekturführungen durch Rostock an. Der Experte für alte Bauwerke hat viel zu erzählen, nicht nur aus Büchern, sondern weil er die meisten Sanierungen hautnah begleitet hat. Auch bei der aufwendigen Restaurierung und Erweiterung des Klosters aus dem 13. Jahrhundert zur modernen Hochschule für Musik und Theater war er dabei. Er weiß, wo die letzten Spuren des großen Stadtbrandes von 1677 zu sehen sind und dass hinter den Klostermauern im Laufe der Zeit auch Waisen, Arme und Kranke untergebracht waren. Zahllose Geschichten und Fakten hat er mühelos parat. Übrigens: Die nächste Führung ist am 21. Oktober um 17 Uhr geplant. Infos und Anmeldung unter www.vhs-hro.de Komm, ich zeig dir Rostock! FOTOS: MATHIAS RÖVENSTHAL 8 Wohnen + Leben

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