Ein Berufsfeld, das aus dem modernen Stadtbild kaum noch wegzudenken ist, ist das der Lieferdienste. Man sieht die Beschäftigten jeden Tag durch die Stadt rasen, auf Rädern, in kleinen bunten Autos, manchmal sogar auf E-Scootern oder Skateboards. Sie sind immer in Eile, oft schneller unterwegs als sie dürften, Halteverbote und Einbahnstraßenschilder missachtend – weil sie nicht anders können, denn Zeit ist Geld. Sind sie zu langsam, schaffen sie ihr Soll nicht, bekommen schlechte Bewertungen und verlieren im schlimmsten Fall ihren Job. Gerade in den großen Metropolen ist die Branche hart umkämpft, auf den verkehrsreichen Straßen noch dazu kreuzgefährlich. Tomer Gardi hat mit »Liefern« nun einen weltumspannenden Roman über dieses Gewerbe geschrieben.
In sechs Städten tauchen wir in die Schicksale von Lieferanten, sogenannten Ridern, die, so unterschiedlich sie auch sein mögen, alle irgendwie miteinander verbunden sind. Tel Aviv, Berlin und Dehli; Istanbul, Buenos Aires und das kleine Dorf Naivasha in Kenia sind die Orte des Geschehens. Wir lernen Filmon kennen, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist und sein hart erliefertes Geld nach Berlin schickt. Dort lebt seine Frau mit der Tochter, die er noch nie gesehen hat. Die beiden nehmen Deutschunterricht bei Nina, die auf einer Reise nach Dehli einen Rider aus Argentinien kennenlernt und so weiter.
Von einer Geschichte zur nächsten gibt es kleine Links, die die Figuren verknüpfen, obwohl sie zwischenmenschlich nur wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben. Was die meisten von ihnen eint, ist das ausbeuterische System der Lieferservices. Weltweit kann dieses Berufsfeld als prekär bezeichnet werden. Für schlechte Arbeitsbedingungen, permanenten Stress und eine miese Bezahlung setzen die Beschäftigten mehr aufs Spiel als der Job eigentlich wert ist – gedankt wird es ihnen nie.
Stilistisch überzeugt Gardi mit einer sehr dynamischen Soundcollage, denn jede Stadt liest sich bei ihm anders. Das vergleichsweise eher beschauliche Tel Aviv hat einen ganz anderen Drive als das hitzeflirrende und hoffnungslos überbevölkerte Dehli. Um einen weiteren Klang ins Buch zu bringen, schrieb Gardi das Kapitel, das in Istanbul spielt, in seiner Muttersprache Hebräisch und ließ es von Anne Birkenhauer übersetzen. Für die Recherche zum Buch bereiste Gardi die Orte über die letzten Jahre und sprach mit Dutzenden Lieferanten. Die Essenz aus all diesen Gesprächen findet sich in seinen Figuren.
»Liefern« ist ein großartiger Roman, der den Fokus auf die Schattenseiten der Globalisierung lenkt. Mal witzig, mal tragisch, stilistisch äußerst gekonnt, und mit herzlichen Charakteren, deren teils rasanten Geschichten man gerne folgt. Von mir gibt es für dieses Buch eine absolute Leseempfehlung.
Booksters Buchtipp
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