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Bookster Stefan Härtel sitzt vor einem großen Bücherregal stützt seine Arme auf Bücherstapel, neben ihm das Titelbild des Romans "Liefern" von Tomer Gardi

Wohnen + Leben

Booksters Buchtipp: »Liefern« von Tomer Gardi

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch.

Ein Berufsfeld, das aus dem modernen Stadtbild kaum noch wegzudenken ist, ist das der Lieferdienste. Man sieht die Beschäftigten jeden Tag durch die Stadt rasen, auf Rädern, in kleinen bunten Autos, manchmal sogar auf E-Scootern oder Skateboards. Sie sind immer in Eile, oft schneller unterwegs als sie dürften, Halteverbote und Einbahnstraßenschilder missachtend – weil sie nicht anders können, denn Zeit ist Geld. Sind sie zu langsam, schaffen sie ihr Soll nicht, bekommen schlechte Bewertungen und verlieren im schlimmsten Fall ihren Job. Gerade in den großen Metropolen ist die Branche hart umkämpft, auf den verkehrsreichen Straßen noch dazu kreuzgefährlich. Tomer Gardi hat mit  »Liefern«  nun einen weltumspannenden Roman über dieses Gewerbe geschrieben. 

In sechs Städten tauchen wir in die Schicksale von Lieferanten, sogenannten Ridern, die, so unterschiedlich sie auch sein mögen,  alle irgendwie  miteinander verbunden sind. Tel Aviv, Berlin und  Dehli; Istanbul, Buenos Aires und das kleine Dorf Naivasha in Kenia sind die Orte des Geschehens. Wir lernen Filmon kennen, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist und sein hart  erliefertes  Geld nach Berlin schickt. Dort lebt seine Frau mit der Tochter, die er noch nie gesehen hat. Die beiden nehmen Deutschunterricht bei Nina, die auf einer Reise nach  Dehli  einen  Rider aus  Argentinien  kennenlernt und so weiter. 

Von einer Geschichte zur nächsten gibt es kleine Links, die die Figuren verknüpfen, obwohl sie zwischenmenschlich nur wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben. Was die meisten von ihnen eint, ist das ausbeuterische System der Lieferservices. Weltweit kann dieses Berufsfeld als prekär bezeichnet werden. Für schlechte Arbeitsbedingungen, permanenten Stress und eine miese Bezahlung setzen die Beschäftigten mehr aufs Spiel als der Job eigentlich wert ist – gedankt wird es ihnen nie. 

Stilistisch überzeugt Gardi mit einer sehr dynamischen Soundcollage, denn jede Stadt liest sich bei ihm anders.  Das vergleichsweise  eher beschauliche Tel Aviv hat einen ganz anderen Drive als das hitzeflirrende und hoffnungslos überbevölkerte  Dehli. Um einen weiteren Klang ins Buch zu bringen, schrieb Gardi das Kapitel, das in Istanbul spielt, in seiner Muttersprache Hebräisch und ließ es von Anne Birkenhauer übersetzen. Für die Recherche zum Buch  bereiste Gardi die Orte über die letzten Jahre und sprach mit Dutzenden  Lieferanten. Die Essenz aus all diesen Gesprächen findet sich in seinen Figuren. 

»Liefern«  ist ein großartiger Roman, der den Fokus auf die Schattenseiten der Globalisierung lenkt. Mal witzig, mal tragisch, stilistisch äußerst gekonnt, und mit herzlichen Charakteren, deren teils rasanten Geschichten man gerne folgt.  Von mir gibt es  für dieses Buch eine absolute Leseempfehlung. 

Booksters Buchtipp

Lesen ist großartig – nur was? Für alle, die Inspiration suchen, präsentiert der Rostocker Buchblogger Stefan Härtel jeden Monat ein aktuelles Buch im WIRO-Magazin.

Der Link zum Buch-Blog von Stefan „Bookster“ Härtel:

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