Zwischen dem Neuen Friedhof und den Sportplätzen am Damerower Weg, hinter hohen Kiefern, versteckt sich seit 40 Jahren die Rostocker Radrennbahn. Viele Rostocker haben sie noch nie gesehen. Dabei ist ihre Geschichte fast unglaublich. Ein paar Rad-Enthusiasten wollen die historische Strecke nun ins Licht rücken. Es ist einer der heißesten Tage des Sommers. Selbst den Vögeln ist es zu warm zum Trällern. Nur ein Surren liegt in der Luft. Zwei jungen Radsportlern macht die Temperatur scheinbar wenig aus, konzentriert rasen sie auf ihren Hightech-Rädern um die Bahnkurven. Kurt Welke steht oben am Geländer und schaut zu. So wie schon vor vier Jahrzehnten, als Jan Ullrich und André Greipel Ende der 80er-Jahre ihre ersten Trainings auf der nagelneuen Bahn absolviert haben. Auch wenn der 86-jährige Welke selbst nie leistungssportlich Rennrad gefahren ist, ist ihm die Bahn so vertraut wie niemandem sonst. Der Landschaftsarchitekt hat sie nämlich gebaut. Unter Umständen, zu denen man heute sagen würde: verrückt. »Nichtsdestotrotz gehört sie zu den besten Radrennbahnen. Beim Fahren spürt man keine Wellen und keine Fuge«, darüber staunt Gerhard Geßler immer noch. Geßler stammt aus Bielefeld und kennt die Geschichte seines Freundes Kurt Welke auswendig. Vor fünf Jahren ist er an die Ostsee gezogen. Der 71-Jährige hat ein Faible für alte Radbahnen. An die Rostocker Bahn hat er sein Herz verloren. Aber dazu später. Anfang der 80er-Jahre war der Radrennsport in Rostock eine große Sache. Auch der Sohn von Kurt Welke hat bei Motor Rostock trainiert. »Leider gab es hier keine Radrennbahn für schnelle Geschwindigkeiten. Die Rostocker Sportler hatten einen großen Nachteil gegenüber Berlin oder Erfurt, wo die Trainingsbedingungen viel besser waren.« Trainer Peter Sager hat Kurt Welke sein Herz ausgeschüttet. »Da hatte ich eine große Klappe und habe gesagt: ´Peter, du besorgst das Geld, den Rest mach ich!´« Kurt Welke hatte zwar keine Erfahrung mit Radrennbahnen und auch keine Baugenehmigung, dafür jede Menge Tatendrang. Er hat Bahnen in Erfurt, Halle und Leipzig inspiziert, ist auf eigene Kosten nach Moskau geflogen. Mit einem Mathematiker hat er den perfekten Neigungswinkel in den Kurven berechnet. 38 Grad. Welke war selbstständig mit einem Landschafts- und Straßenbaubetrieb und er war gut vernetzt. »Einer half dem anderen, so war das damals. Über andere Betriebe kam ich an Material.« An den Wochenenden und nach Feierabend haben Arbeiter mit ihm auf der Baustelle geschuftet, umsonst und neben ihrem regulären Job. »Auch Strafgefangene haben bei uns ihre Stunden abgeleistet, die Polizei stand daneben und hat aufgepasst.« Kurt Welke hat selbst unzählige Stunden auf dem Bauch gelegen und mit Reibbrettern den frischen Beton abgerieben, damit er perfekt glatt wird. Über vier Jahre haben sich die Arbeiten an der 250 Meter langen Bahn gezogen. Ohne den umtriebigen Gerhard Geßler (links) und Kurt Welke mit einem Derny-Gespann. Aus dem Schatten Aufnahme vom Bau der Radrennbahn. FOTO: KURT WELKE 8 Wohnen + Leben
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